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Heinrich, der Seefahrer (28)Heinrich Kraft (1907-1992) verlebte seine ersten 16 Jahre in seiner Heimatstadt Möckmühl, fuhr dann 21 Jahre lang zur See und leitete von 1945 bis zu seinem Ruhestand 27 Jahre lang die hiesige Volksbank. Seine vielen Seereisen beschrieb er danach mit Hilfe von zahlreichen Briefen, die bis heute erhalten sind. Bei Kriegsende schlug er sich mit seiner Dienststelle von Rügen nach Flensburg durch und berichtet über diese Zeit unter der Überschrift Bei Kriegsende in FlensburgAm 7. Mai 1945 wurde die Kapitulation der deutschen Wehrmacht unterzeichnet. Für uns brach eine Welt zusammen. Vor uns Soldaten stand das bittere Los der Gefangenschaft. Und ich selbst, ich hämmerte mir immer wieder ein: "Du warst schon einmal in Gefangenschaft, ein zweites Mal nicht wieder!" Deshalb legte ich mir einen Plan zurecht, den ich ausführen wollte, ehe Flensburg vom Feinde besetzt wurde. Ich hatte nicht viel Zeit, die englischem Truppen standen schon vor Hamburg. Ich ging zunächst zum Oberkommando der Kriegsmarine, welches in der Marineschule Flensburg-Mürwik und in anliegenden Gebäuden untergebracht war. Großadmiral Dönitz, der nach dem Tod von Hitler Staatsoberhaupt wurde, befand sich mit seinem Stab ebenfalls dort. Ich ging an seiner Zimmerflucht vorbei zu Kapitän Schumann , diesem schlug ich vor, mich aus der Wehrmacht wegen Dienstunfähigkeit zu entlassen und unsere Dienststelle mit dem gesamten Personal dem Roten Kreuz zu unterstellen. Schumann war damit einverstanden. Der Wehrmachtsbeamte Marquardt, der bei Schumann Dienst tat und der die Marinenachweisstelle aufgebaut hatte, wurde mir beigeordnet, er war im gleichen Dienstrang wie ich. Der Marinestabsarzt vom Oberkommando stellte mir auf meine Bitte eine um zwei Monate zurückdatierte Dienstunfähigkeitsbescheinigung aus. Dann ging ich zum Marinepersonalamt des Oberkommandos, dort traf ich als Dienststellenleiter zu meinem Erstaunen Korvettenkapitän Mellin, wir beide hatten als Oberleutnants zusammen auf dem Segelschulschiff "Horst Wessel" gefahren. Mellin stellte mir einen Entlassungsschein aus, zurückdatiert auf den 23. März 1945. Mit diesem Schein ging ich zum Rathaus in Flensburg, dort residierte der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes mit einer Rotkreuz-Schwester als Sekretärin. Ich schilderte dem Präsidenten kurz unsere Lage und die Arbeit unserer Dienststelle, und er war bereit, uns in das Rote Kreuz aufzunehmen. Auf dem Entlassungsschein ließ ich mir bestätigen, dass ich ab 1. April 1945 beim Deutschen Koten Kreuz beschäftigt wäre. Sodann bat ich um einen Rotkreuzstempel, da wir ja nunmehr eine Rotkreuzstelle wären, und ich erhielt einen mit der Umschrift "Deutsches Rotes Kreuz - Präsidium". Dieser Stempel leistete uns später sehr gute Dienste. Zuletzt ging ich zum Bürgermeister der Stadt Flensburg, meldete meine Rotkreuzdienststelle mit dem schönen Namen "Nachweis- und Betreuungsstelle für Kriegsgefangene" offiziell an und empfing Lebensmittelmarken für meine rund 50 Angestellten. Nachdem ich meiner Belegschaft die Durchführung meines Plans bekannt gegeben hatte, wandelten wir uns in Zivilisten um. Wir Soldaten entfernten von unseren blauen Uniformen die Ärmelstreifen und die goldenen Knöpfe und nähten Hosenknöpfe an, die Mädchen hatten sowieso keine Uniformen. Dann stellten wir uns selbst Rotkreuzausweise her, die mein Stellvertreter, unser Beamter Herr Marquardt - nunmehr leitender Rotkreuzangestellter - unterschrieb, und alle Ausweise wurden abgestempelt, denn ohne Stempel ging nichts. Das rote Kreuz auf den Ausweisen wurde fein säuberlich mit rotem Farbstift ausgemalt. Mit Wehmut hatte ich meine blaue Uniform ausgezogen. Seit Mai 1924 bis Mai 1945, also 21 Jahre lang, war ich Seemann, in meinem Herzen bin ich es bis heute geblieben. Am nächsten Tag - ich glaube, es war am 10. Mai 1945 - marschierten die englischen Truppen in Flensburg ein. Aus Vorsichtsgründen hielten wir uns zunächst zurück, nur die Mädchen erhielten zuerst Ausgang. Da draußen alles ziemlich ruhig blieb, wagte ich mich auch hervor, zumal wir in einer einsamen Villengegend lagen. Zur weiteren Tarnung hatte ich einen alten Hut irgendwo aufgegabelt, und mit meinem abgewetzten blauen Anzug sah ich etwas heruntergekommen aus. Ich versuchte, zum Oberkommando vorzudringen, doch die Marineschule und die anliegenden Kasernen waren von englischem Militär umstellt. Da wir wenig zu tun hatten, und da uns allmählich das Geld ausging - ich hatte mein letztes Gehalt von etwa 500 Mark noch kurz vor Kriegsende vom Zahlmeister beim Oberkommando erhalten - empfahl ich meinen Angestellten die Entlassung in ihre Heimat. Doch es war nicht so einfach, aus Flensburg herauszukommen. Da sich bei Kriegsende verschiedene staatliche Behörden, das Oberkommando der Marine, Großadmiral Dönitz mit seinem Stab und viele Soldaten in Flensburg aufhielten, war die Stadt hermetisch abgesperrt. Man konnte praktisch nur mit einem Passierschein Flensburg verlassen, doch den stellte die englische Militärregierung aus. Für die Mädchen war es einfacher, sie erhielten von uns einen Entlassungsschein mit dem Rotkreuzstempel, und eine verschwand nach der andern. Zuletzt waren mein Kamerad Marquardt und ich mit einigen Mädchen noch allein. Da hielt es auch mich nicht mehr länger. Ich versuchte zunächst, bei der englischen Militärregierung einen Passierschein zu erhalten. Doch da stand eine lange Schlange vor dem Gebäude, und ich musste mich hinten anstellen, und vorn ging es auch kaum weiter. Etwa acht Tage lang versuchte ich es, doch ich wurde nicht vorgelassen, ein englischer Posten vor der Eingangstür wies mich immer wieder zurück. Inzwischen war es Sommer geworden. Da versuchte ich es bei der Bahn direkt, doch ohne Passierschein ging auch dort nichts. Bei der Bahn erfuhr ich jedoch, dass von Dänemark her Flüchtlingstransporte kämen, die nach Hamburg weiterfahren würden. Das war meine Chance, dachte ich. Da stellte ich mir selbst die Entlassungsbescheinigung aus mit Rotkreuzstempel und Übersetzung in englisch, unterschrieben von meinem Kameraden Marquardt. Fortsetzung folgtDie in "Von uns zu Euch" auszugsweise erscheinenden Lebenserinnerungen von Heinrich Kraft wurden und werden ausführlich in Buchform veröffentlicht. Die ersten drei Bände von "Heinrich der Seefahrer - Ein Möckmühler auf großer Fahrt" mit den Untertiteln "Kindheitserinnerungen und Handelsmarine bis 1927", "Handelsmarine 1927-1934" und "Reichs- und Kriegsmarine 1934-1939"sind inzwischen erschienen.
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