Heimatkundlicher Arbeitskreis Möckmühl
Heinrich der Seefahrer - Ein Möckmühler auf großer Fahrt ist jetzt als Buch erschienen. Näheres hier.
Heinrich, der Seefahrer (27)
Heinrich Kraft (1907-1992) verlebte seine ersten 16 Jahre in seiner Heimatstadt Möckmühl, fuhr dann 21 Jahre lang zur See und leitete von 1945 bis zu seinem Ruhestand 27 Jahre lang die hiesige Volksbank. Seine vielen Seereisen beschrieb er danach mit Hilfe von zahlreichen Briefen, die bis heute erhalten sind. Nach seinem letzten Bordkommando auf dem Schweren Kreuzer "Admiral Scheer" in der Ostsee berichtet er über
Die letzten Kriegswochen
Anfang März 1945, ehe "Admiral Scheer" nach Kiel fuhr, verließ ich mein geliebtes Schiff, das mir während des Krieges Schutz und Heimat war. Ich wurde zum Oberkommando nach Varel in Oldenburg befohlen. Schon im Februar konnte ich Emme benachrichtigen, dass ich nach Varel versetzt wäre, ich bat sie, sich ebenfalls nach Varel ins dortige Marinelazarett versetzen zu lassen.
Auf der Durchreise konnte ich in Swinemünde Emme kurz im Marinelazarett besuchen. Sie führte mich durch ihre Station, in der nur schwerverwundete Kopfverletzte lagen. An jedem Bett, an dem Emme vorbeikam, hielt sie kurz an, streichelte diesen oder lächelte jenem zu und sprach zum einen oder zum andern. Doch kaum einer konnte ihr antworten, aber alle verfolgten Emme mit ihren Augen. Mich schaute kaum einer an, und da wusste und fühlte ich: Alle Verwundeten, es waren manchmal noch halbe Kinder, hingen mit Liebe und Dankbarkeit vertrauensvoll an ihrer Krankenschwester.
Am 7. März kam ich in Varel an und meldete mich bei Kapitän Schumann, mit dem ich bei Kriegsanfang zusammen auf Scheer fuhr, er leitete jetzt eine Abteilung des Marineoberkommandos. Schumann sagte zu mir: "Endlich sind Sie da, Sie waren ja nicht loszueisen von "Admiral Scheer". Doch Sie werden hier nur kurz eingewiesen und fahren dann sofort weiter nach Binz auf Rügen, um dort die Marinenachweisstelle für Gefallene, Vermisste und Gefangene zu übernehmen." Ich erzählte Schumann, dass vielleicht meine Frau ins Marinelazarett nach Varel kommen würde, und er versprach, sich um sie anzunehmen. Dann fuhr ich weiter. Als ich in Hamburg bei der Marinekommandantur eintraf, um Kurierpost abzuliefern, sagte der dortige Kommandeur zu mir: "Kraft, soeben ist ein Fernschreiben eingetroffen, sie sollen sofort nach Varel und sich bei Kapitän Schumann melden!" Ich sagte: "Da komme ich ja gerade her!"
So fuhr ich wieder nach Varel zurück. Als ich bei Schumann ankam, sagte er: "Ihre Frau ist hier, gehen Sie zum Marinelazarett und kommen Sie morgen vormittag um 10 Uhr wieder zu mir." Da konnte ich Emme wieder in meine Arme schließen. Sie hatte in einer kleinen Dachkammer bei netten Leuten ein Unterkommen gefunden, und vom Marinelazarett bekam sie Urlaub, solange ich da war. Als ich mich am nächsten Vormittag bei Schumann meldete, sagte der: "Heute habe ich keine Zeit für Sie, kommen Sie morgen um zehn wieder!" So ging es acht Tage fort, und so hat mir Kapitän Schumann einen ungenehmigten Urlaub verschafft, denn seit Monaten war bei der Wehrmacht überall Urlaubsverbot.
In Binz löste ich einen älteren Korvettenkapitän ab, der entlassen wurde. Ich übernahm von ihm die in einem früheren Hotel untergebrachte Marinenachweisstelle für Gefallene, Vermisste und Gefangene mit etwa 50 Marinehelferinnen und 3 Oberfeldwebeln. Wir verwalteten und führten eine große Kartei, täglich erhielten wir von den einzelnen Marinekommandos Meldungen, die wir verarbeiten mussten. Meinen eigenen Namen fand ich in der Gefangenen-Kartei mit dem lapidaren Vermerk: "Am 9.September 1944 zurückgekehrt." In Binz stand ich auch mit dem dortigen Marinekommandanten in Verbindung, und der sagte eines schönen Tages im April zu mir: "Wenn der Russe auf die Insel Rügen vorrücken sollte, dann übernehmen Sie eine Flakbatterie!" Ich konnte nicht ohne ausdrücklichen Befahl meines Dienstvorgesetzten meine Stelle verlassen und meldete dies per Fernschreiben an Kapitän Schumann, dessen Dienststelle von Varel nach Flensburg verlegt worden war. Hierauf erhielt ich ein Fernschreiben mit etwa folgenden Worten: "Sofort alles versuchen, nach Flensburg zu kommen mit Personal und Kartei. Alle möglichen Verkehrswege ausnutzen, über See oder über Land, mit Bahn, LKW, Pferdefuhrwerken oder zu Fuß." Dies gab ich meiner Mannschaft bekannt und befahl, sofort alles zu packen und für Reiseproviant zu sorgen. Ich selbst schwang mich aufs Rad (wir hatten keine Fahrzeuge zur Verfügung, nur einige Räder). Bei allen möglichen Stellen, Kommandantur, Bürgermeister, Hafenkapitän usw. erkundigte ich mich nach Verkehrsmöglichkeiten. Doch vergebens. Dann fuhr ich nach Saßnitz, ich kannte mich dort gut aus, war ich doch vor sieben Jahren als Leutnant dort stationiert. Im Saßnitzer Hafen lagen einige Marinehilfsfahrzeuge, ich meldete mich sofort beim Flottillenchef und erkundigte mich über eine Fahrtmöglichkeit nach dem Westen. Dieser sagte: "Übermorgen fahren wir nach Travemünde." Ich schilderte ihm unsere Lage und bat, uns mitzunehmen. Er sicherte dies zu, wir könnten auf dem größten Fahrzeug unterkommen, müssten jedoch am nächsten Tag mit Mann und Maus zur Stelle sein.
Ich fuhr sofort zurück nach Binz, wo ich den Bürgermeister aufsuchte und ihm erklärte, dass wir am nächsten Vormittag um 7 Uhr vier kräftige Pferdefuhrwerke benötigen würden, drei zum Abtransport unserer Karteikästen, der Schreibmaschinen und des sonstigen Gerätes sowie des Gepäcks und ein Fahrzeug für 50 Marinehelferinnen. Lastkraftwagen gab es nicht mehr, und wenn schon, dann fehlte der Sprit. Dem Bürgermeister gelang es, drei Pferdefuhrwerke mobil zu machen. Also mussten die Mädchen zu Fuß von Binz nach Saßnitz gehen, wir vier Männer sowieso, es waren etwa 20 km. In der ersten Zeit ging es ganz gut, doch dann bekam eine nach der andern Blasen an den Füßen, manche gingen barfuss, einige durften auf ein Fuhrwerk aufsitzen, soweit Platz war. Müde und abgespannt kam unser Treck im Saßnitzer Hafen an. Doch dann war die Qual des ungewohnten Fußmarsches überstanden, die Seeleute der Marinefahrzeuge luden unsere Siebensachen aus und verstauten alles auf dem größten Prahm. Alle wurden einigermaßen gut untergebracht, ich selbst bekam einen Schlafplatz in einer Offizierskammer.
In Travemünde angekommen, schickte ich zunächst die Marinehelferinnen unter Betreuung des ältesten Oberfeldwebels weg, sie sollten mit der Bahn über Lübeck nach Flensburg fahren. Da die Schiffe, mit denen wir angekommen waren, von Travemünde nach Dänemark beordert wurden, luden wir unser Material zunächst auf einen Hafenschlepper um. Zwei Soldaten blieben bei mir. Einen Tag später konnte ich ein Pferdefuhrwerk auftreiben, welches unsere Sachen in mehreren Fahrten zum Bahnhof führte, wo ich einen leeren Güterwagen besorgen konnte. Unsere Bahnfahrt nach Flensburg dauerte ziemlich lange, mal war Fliegeralarm, mal wurden wir auf einem Bahnhof abgehängt. Ich hatte dann immer große Mühe, weiterzukommen, manchmal machte ich das ganze Bahnhofspersonal rebellisch. Kurz vor Flensburg standen wir nochmals still, da schickte ich einen Oberfeldwebel mit dem Rad voraus zur Abteilung Schumann, um unsere Ankunft anzukündigen. Soweit ich mich erinnere, kamen wir am 4. oder 5. Mai etwas abgekämpft, doch wohlbehalten in Flensburg an. Die Mädchen waren schon vor uns da. In Flensburg wurden wir im städtischen Spanuthaus untergebracht, welches vorher die Ausbildungsstätte für Führerinnen der Marinehelferinnen beherbergt hatte, diese Abteilung wurde kurz vor unserem Eintreffen aufgelöst.
Am 7. Mai 1945 wurde die Kapitulation der deutschen Wehrmacht unterzeichnet. Für uns brach eine Welt zusammen. Vor uns Soldaten stand das bittere Los der Gefangenschaft. Und ich selbst, ich hämmerte mir immer wieder ein: "Du warst schon einmal in Gefangenschaft, ein zweites Mal nicht wieder!"
Fortsetzung siehe "Von uns zu Euch"
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