Im Juni 2001 erhielten wir von Felix Pfaeffle aus den USA eine E-Mail mit der Anfrage, ob aus Möckmühl Augenzeugenberichte vom Einmarsch der Amerikaner zu Ende des 2. Weltkrieges vorliegen würden. Aus dieser kleinen E-Mail entwickelte sich eine ausführliche Korrespondenz und schließlich ein Buch, dessen deutsche Ausgabe inzwischen vorliegt. Doch werfen wir zuerst einen kurzen Blick auf die Vorgeschichte.
Dr. Donna Eichstaedt ist Professorin für Geschichte an der University of Texas in El Paso und an der New Mexico State University in White Sands. In jedem Semester lädt sie zu Ende ihrer Vorlesung über den 2. Weltkrieg Veteranen ein, damit ihre Studenten deren erlebte Geschichte erfahren können. Immer wieder erweist sich diese "Veterans' Night" für die Studenten als der Teil des Seminars, der sich ihnen am meisten einprägt.
Als die in Las Cruces/New Mexico lebenden Ruheständler Charles "Chuck" Miles und Felix Pfaeffle im April 2001 während der "Veterans' Night" aus ihrer Jugend erzählten, ergab sich eine ganz besondere Ironie des Schicksals. Chuck kam als 19-jähriger amerikanischer Infanterist nach Frankreich und Deutschland; während Felix mit nicht einmal 16 Jahren als Flak-Helfer der deutschen Luftwaffe die Gegend um seine Heimatstadt Karlsruhe schützen sollte.
Als die beiden Männer sich gegenseitig zuhörten, wurde ihnen bewusst, dass sich ihre Wege in den letzten Kriegstagen fast gekreuzt hätten - vor jetzt ziemlich genau 57 Jahren in Deutschland. Sie kamen sich tatsächlich bis auf neun Kilometer nah. Beide erlebten das Elend des Krieges und machten Ähnliches durch. Als sie an jenem Abend vor den Studenten gesprochen hatten, verabredeten sich Chuck und Felix zu einem weiteren Treffen - und entdeckten gleich noch eine weitere Ironie in ihrem Leben - sie wohnten nur ein paar Häuser voneinander weg. Bald darauf begannen Briefwechsel zwischen den beiden und verschiedenen Personen aus deutschen Ortschaften, in denen die beiden gekämpft hatten. Briefe, persönliche Aufzeichnungen, Bücher und Fotografien trafen aus Deutschland ein, die ihre Berichte bestätigten und auf jene schreckliche Zeit und vom Krieg betroffene Orte Bezug nahmen.
Zu diesem Zeitpunkt erkannten die beiden Männer die Bedeutung ihrer Geschichte und die Ironie in ihrem Leben und in ihren Kriegserlebnissen. Sie wandten sich an Prof. Eichstaedt, um das Material zu sichten und die Veröffentlichung eines Buches vorzubereiten. Durch meine ständigen Kontakte zu Felix Pfaeffle, sowohl über die schnellen Medien Internet und Telefon als auch die gute alte Schneckenpost, erfuhr ich von der geplanten Veröffentlichung. Ich bat ihn, die für uns hier interessanten Passagen ins Deutsche übersetzen zu dürfen. Als schließlich im Dezember 2001 das Buch "Once Enemies, Now Friends" erschienen war, übersetzte ich das gesamte Werk zusammen mit meiner Frau Birgit und ergänzte es noch mit weiteren Augenzeugenberichten. Aus der deutschen Ausgabe "Einst Feinde - heute Freunde" möchte ich ihnen einige Auszüge von den Kämpfen um Möckmühl und Lampoldshausen vorstellen.
Die Besetzung Möckmühls
Charles Miles, einer der ersten in Möckmühl einmarschierten GI's, erinnert sich an den 5. April 1945: "Wir rückten weiter in Deutschland vor. Manchmal ging es durch Wälder oder offenes Gelände und oftmals kamen wir durch kleine Dörfer. Unsere Verluste stiegen an und somit auch die Beförderungen. Ich wurde unvermutet Führer meiner Gruppe und mein erster Kampfeinsatz als Gruppenführer bleibt mir unvergesslich. Ich erinnere mich an einen langen und erschöpfenden Marsch an jenem Morgen bei der Annäherung auf die Stadt Möckmühl ...
... wir gingen durch eine Baumwiese, während wir uns den ersten Häusern von Möckmühl näherten. Die Deutschen begannen mit intensivem Gewehrfeuer, so dass wir uns schnell auf den Boden warfen. Ich lag in einer kleinen Vertiefung, einer Art flachem Graben. Dann gab es eine riesige Explosion - ich vermutete, dass eine Brücke in die Luft gesprengt wurde. Danach sah ich einen Steinbrocken, etwa so groß wie ein Basketball, den Graben herunter auf mich zurollen ..."
Der Möckmühler Hermann Kraft (1879-1949) berichtet auch von den Explosionen, die beim Einmarsch der Amerikaner zu hören waren: "Wie die ersten Sturmgruppen sich der Stadt näherten, flog unsere Seckachbrücke in die Luft, kurz nachher auch die Jagstbrücke. Es gab dabei viel Schaden durch Steintrümmer, die über die Stadt flogen. Dächer wurden durchschlagen und Fensterscheiben zerschellten." Die Brücken waren von der sich zurückziehenden SS gesprengt worden.
Dies konnte den Vormarsch der Amerikaner aber nur kurz aufhalten und Charles Miles schreibt weiter: "Dann sah mich unser Zugführer, der leicht verwundet war. Ich war jener unglückliche Gruppenführer, der in diesem Moment am nächsten bei ihm lag. Er schrie zu mir, ich solle mit meinem Trupp das erste Haus stürmen. Es gab nichts auf der Welt, was ich mehr hasste als zwischen diesen herumfliegenden Geschossen aufzustehen. Aber es war ein Befehl. (Ich glaube, die meisten von uns hatten vor den Folgen einer Befehlsverweigerung mehr Angst als davor, im Kampf erschossen zu werden).
Ich sprang auf und brüllte zu meinen Männern: "Auf geht's!" Dann begann ich den langen Vorstoß einen steilen Abhang hinunter. Ich nahm eine Friedhofsmauer wahr, rannte schnell hin und warf mich auf den Boden am Fuß der Mauer. Nur ein einziger meiner Männer war mir gefolgt. Die anderen hatten angehalten und Deckung gesucht.
Ich überlegte, wie groß unsere Chance war, jenes Haus zu erreichen. Wir wussten, dass wenn Verteidiger im Keller waren, diese zum Kellerfenster herausschießen würden. Als ich einen Moment zögerte, erreichte uns mein Freund, Feldwebel Patterson, mit seinem Trupp. Während wir im Laufen aus der Hüfte feuerten, stürmten wir das Haus und drangen in die Küche ein. Zwei deutsche Soldaten riefen sofort: "Surrender, Surrender" (Wir ergeben uns) ... ich erinnere mich noch, dass die beiden wie "alte Männer" aussahen - vielleicht so um die 40!"
Charles Miles beschreibt dann noch mit sehr eindrücklichen Worten seine Erlebnisse in einem weiteren Haus in Möckmühl, wo er mit einigen Kameraden auf einem Kartoffelhaufen im Keller sitzt, während oben im Wohnzimmer eine Granate einen Amerikaner enthauptet und einen zweiten schwer verwundet. Schließlich kämpften sie sich weiter nach
Lampoldshausen
voran. Charles Miles erinnert sich: "Vorsichtig rückten wir durch einen dichten Wald vor. Als er sich lichtete, hielten wir an und sahen nur wenige hundert Meter vor uns ein weiteres Dorf liegen. Wir beobachteten es aufmerksam und glaubten, ein paar feindliche Soldaten zu sehen. Während wir weitere Befehle oder Anweisungen unseres Zugführers abwarteten, schlug eine Kugel in einen nahegelegenen Baum ein. Zum besseren Schutz legten wir uns hin, da die Deutschen uns wohl zwischen diesen Bäumen vermuteten.
Burdick entdeckte in der Nähe ein Schützenloch und kam zu dem Schluss, dass es während unseres Wartens einen besseren Schutz bieten würde. Er kroch deshalb hinüber und ließ sich hineingleiten. Unglücklicherweise war es aber bereits besetzt! Von einem deutschen Soldaten! Vielleicht war er eingeschlafen - oder vielleicht hatte er einfach seine Stellung nicht verlassen, als er uns näherkommen hörte. Ich vermute, er hoffte, wir würden weitergehen ohne ihn zu entdecken. Jedenfalls machten der Deutsche und Burdick vor lauter Schreck geradewegs einen Satz in die Luft. Als der Deutsche sich inmitten amerikanischer Soldaten sah, hob er sofort seine Arme und ergab sich. Burdick brauchte ein Weilchen, um sich wieder zu beruhigen! ...
... wie durch ein Wunder erreichten wir alle unversehrt den Ortsrand. Wir rückten langsam von einem Haus zum nächsten vor. Ein Panzer stieß zu uns und hielt mitten auf der Straße an. Mertzmann, der am Straßenrand ging, entschloss sich, direkt vor dem Panzer auf die andere Seite zu rennen, um eine bessere Sicht nach vorne zu haben. Als er gerade unter dem Panzerrohr durchrannte, schoss der Panzer. Außer einer Gehirnerschütterung hatte er nichts abbekommen. Zur Erholung wurde er hinter die Front geschickt und es dauerte einige Tage, bevor sämtliche Glocken Roms in seinem Kopf zu läuten aufgehört hatten!"
Am folgenden Tag - es war Dienstag, der 10. April 1945 - wurde Lampoldshausen nach schweren Zerstörungen von den Amerikanern besetzt. Die Häuserkämpfe werden von Charles Miles ebenfalls ausführlich beschrieben.
Miles kehrt als Freund zurück
Erstmals nach Kriegsende kam Charles Miles im Mai 2002 wieder nach Deutschland, dieses Mal nur mit Erinnerungen und Freundschaft "bewaffnet". Neben der Crailsheimer Gegend, wo Miles am 20. April 1945 verwundet wurde und der Krieg für ihn damit zu Ende war, sowie Karlsruhe, der Heimatstadt von Felix Pfaeffle, besuchten sie natürlich auch Möckmühl und Lampoldshausen. Mitte Juni 2002 erreichte uns ein Reisebericht von Felix Pfaeffle, den wir hier auszugsweise wiedergeben:
Ich kam am 28. Mai wieder wohlbehalten von meiner Deutschlandreise zurück. Man kann wohl sagen: Es war eine sehr erfolgreiche Fahrt, in jeder Beziehung!
Die ersten acht Tage waren vollgepackt mit vielen Terminen. Es gab eine ganze Reihe von Buchvorstellungen, Vorlesungen, Empfängen und Vorträgen vor Schülern in drei Gymnasien.
Wir waren hauptsächlich in der Gegend um Möckmühl und in Hohenlohe, wunderschönen Landstrichen mit sanften Hügeln, zauberhaften Wäldern und grünen Wiesen; immer wieder unterbrochen von den leuchtenden gelben Rapsfeldern, die so typisch für die süddeutsche Landschaft sind. Diese friedliche Gegend war der "Hauptkriegsplatz" für Chuck, wohingegen Karlsruhe und Umgebung für mich die Kriegserinnerungen weckten.
Das Wetter war absolut herrlich während unserer Anwesenheit. Das Land glitzerte nur so unter der Frühlingssonne. Die saftgrünen Buchenwälder, durch die wir immer wieder fuhren, waren ein Genuss für unsere "baumhungrigen" Gemüter (unsere Heimatstadt Las Cruces ist von Wüste umgeben). Immer wieder kamen wir durch viele blankgeputzte Dörfer, die mit ihren Kirchtürmen schon von Weitem auf die Niederlassungen hinwiesen. Die Fahrt durch Deutschland war wie ein Besuch in einem einzigen großen Park. Ich hatte Deutschland noch nie so schön gesehen.
Der Übersetzer unseres Buchs, Dr. Karl-Heinz Kraft und der Baier-Verlag hatten unsere "Buch-Tour" mit deutscher Sorgfalt geplant und vorbereitet. Überall wurden wir herzlich empfangen und mit Willkommensgaben beschenkt. Langsam aber sicher wuchs das Volumen und Gewicht unseres Gepäcks mit Weinflaschen und Büchern. Unsere Buchvorstellungen begannen alle mit Willkommensreden (meistens der Bürgermeister), Ansprachen unseres Verlegers und Übersetzers, von Vorsitzenden der entsprechenden Historischen Vereine, Einführungen über die Entstehung des Werkes und kurze Vorlesungen aus unserem Buch von Chuck und mir. Wir waren erstaunt, so viel Interesse für unser Buch zu sehen. Bei unseren Vorstellungen sahen wir wiederholt, dass die Zuhörer zu vielen Fragen angeregt wurden, woraus sich oft interessante Debatten ergaben.
Die Abende schlossen meistens mit einem schönen Essen in einem nahegelegenen Gasthaus. Es war Spargelzeit und wir genossen sie zusammen mit den lokalen Weinen und Bieren. Auf diese gemütliche Art und Weise wurden viele neue Freundschaften geschlossen.
Der Besuch hatte seine rührenden und emotionalen Momente. Zwei Beispiele: Als Chuck bei heftigen Kämpfen in Lampoldshausen eine Bildpostkarte mit einer Luftaufnahme von diesem Ort auf dem Küchentisch vorfand, nahm er die Karte, die von einem deutschen Soldaten an seine Frau geschrieben war, als Andenken mit. Als wir jetzt wieder durch Lampoldshausen kamen und mit einer ganzen Anzahl von Augenzeugen sprachen, trafen wir ausgerechnet die Witwe des Kartenschreibers. Chuck zeigte ihr diese Postkarte, die sie mit großer Ergriffenheit las. Er übergab dann die Karte an den Vorsitzenden des Historischen Forums Hardthausen, Herrn Adolf Frank, für das dortige Archiv. Während unseres Besuches in Karlsruhe führte uns mein Vetter Eduard, der die ganzen Veranstaltungen für uns dort plante, hinaus zum Rhein in die Gegend von Au, wo ich mit meiner kleinen Einheit Ende Dezember 1944 eingesetzt war. Wir fuhren durch die Auewälder zum Flussufer. Dort fand ich die Stelle, wo ich am bitterkalten Weihnachtstag 1944 von der anderen Seite des Rheins von einem "Ami" beschossen worden war. Zur gleichen Zeit, war Chuck mit einem Spähtrupp am dortigen Rheinufer auf der Suche nach deutschen Truppen.
Unter unseren vielen Erlebnissen während unseres Aufenthalts in Deutschland gehörten Flüge mit einem Motorsegler über die Ortschaften, Felder und Wälder zu den Höhepunkten. Wir starteten vom kleinen Flugplatz Korb bei Möckmühl und flogen über die schöne Umgegend bis nach Lampoldshausen und zurück. Ich konnte einige Fotos aus dem Cockpit machen und freute mich, das Land auch von oben genießen zu können.
Nach acht manchmal hektischen Tagen war ich froh, mich eine Woche bei Verwandten in Würzburg und meinem Bruder Wolf ausruhen zu können. Am 28. Mai nahm ich einen Inter-City-Express von Duisburg zum Frankfurter Flughafen und im Flugzeug ging es nach Texas über Dallas nach El Paso. Am gleichen Abend war ich wohlbehalten, aber sehr müde, wieder in Las Cruces. Sehr viele schöne Erinnerungen sind geblieben!
Die amerikanische Originalausgabe, erschienen im Dezember 2001, und die im April 2002 herausgekommene deutsche Übersetzung. Das Buch "Einst Feinde - heute Freunde" von Charles Miles und Felix Pfaeffle (160 S. mit zahlreichen Abbildungen) erhalten sie zum Preis von 14,95 € bei